Montag, 21. November 2011

Herbstentschluss

Trübe Wolken, Herbstesluft,
 Einsam wandl' ich meine Straßen,
 Welkes Laub, kein Vogel ruft.
 Ach, wie stille! wie verlassen!
Todeskühl der Winter naht;
 Wo sind, Wälder, eure Wonnen?
 Fluren, eurer vollen Saat
 Goldne Wellen sind verronnen!
Es ist worden kühl und spät,
 Nebel auf der Wiese weidet,
 Durch die öden Haine weht
 Heimweh; - alles flieht und scheidet.
Herz, vernimmst du diesen Klang
 Von den felsentstürzten Bächen?
 Zeit gewesen wär' es lang,
 Dass wir ernsthaft uns besprächen!
Herz, du hast dir selber oft
 Weh getan und hast es andern,
 Weil du hast geliebt, gehofft;
 Nun ist's aus, wir müssen wandern!
Auf die Reise will ich fest
 Ein dich schließen und verwahren,
 Draußen mag ein linder West
 Oder Sturm vorüberfahren;
Dass wir unsern letzten Gang
 Schweigsam wandeln und alleine,
 Dass auf unserm Grabeshang
 Niemand als der Regen weine!

Nikolaus Lenau
(ca. 1833)


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